Donnerstag, 10. September 2009


Das Einhorn (1906)

Der Heilige hob das Haupt, und das Gebet
fiel wie ein Helm zurück von seinem Haupte:
denn lautlos nahte sich das niegeglaubte,
das weiße Tier, das wie eine geraubte
hülflose Hindin mit den Augen fleht.

Der Beine elfenbeinernes Gestell
bewegte sich in leichten Gleichgewichten,
ein weißer Glanz glitt selig durch das Fell,
und auf der Tierstirn, auf der stillen, lichten,
stand, wie ein Turm im Mond, das Horn so hell,
und jeder Schritt geschah, es aufzurichten.

Das Maul mit seinem rosagrauen Flaum
war leicht gerafft, so daß ein wenig Weiß
(weißer als alles) von den Zähnen glänzte;
die Nüstern nahmen auf und lechzten leis.
Doch seine Blicke, die kein Ding begrenzte,
warfen sich Bildern in den Raum
und schlossen einen blauen Sagenkreis.

Dies ist eines von 3 Gedichten, das ich für eine Vorlesung in Germanistik in den nächsten Monaten auswendiglernen muss, um dann eines der drei in der abschließenden Klausur im Dezember auswendig aufs Blatt zu schreiben um anschließend eine Gedichtsinterpretation daran vorzunehmen.

Nicht, dass Gedichtinterpretationen ob ihrer kreativen Herausforderung nicht schon anstrengend genug wären - man muss in der Stresssituation einer Klausur, in der es natürlich noch andere Fragen zu beantworten gibt, sich zu kreativen Höchstleistungen und Belletristik hochschwingen und Kadenzen, Metaphern und Jamben richtig deuten - nein, man muss das Gedicht, das es zu interpretieren gilt, auch noch auswendig im Kopf haben. Entfällt einem auch nur eine Strophe, kann man die Interpretation schon nicht mehr komplett abschließen. Und es kommt nur eines von dreien vor; das eine, für das sich der Professor die Tage davor aus Lust und Laune entschieden hat.

Und auch nicht, dass ich jetzt Germanistik studieren würde. Würde mir ob der Literatur, die man als Pflichtbalast lesen muss, gar nicht einfallen. Ich will mir die Lust aufs Lesen nicht noch mehr verderben. Nein, ich studiere noch immer meine geliebten Medien- und Kommunikationswissenschaften, in denen ich Produkte aus Film und Fernsehen analysiere. Aber da sich das deutsche Bildungssystem vor einigen Jahren aus falsch verstandener Internationalität und Torschlusspanik dank Pisa für ein Tentakelf#ck@rschloch namens Bachelor entschieden hat, darf ich nun ein 'Exportmodul' im Fache Germanistik machen. Lasst mich mit euren abgehalfterten Nebenfächern, Socialskills-Kursen, Praxisseminaren, Gruppenarbeiten und Themen- und Exportmodulen einfach in Ruhe! Ich will studieren, gottverdammt, falls das heute noch was bedeutet. Und nicht von Prüfungsordnungen, in denen sogar mir die Inkonsistenzen auffallen ('Joker'-Wiederholungsklausuren für die einen, anderen aber nicht, Credits bis zu jenem aber nicht nächstem Semester), davon abgehalten werden.

So. Und der Goethe mit seinem Wilhelm Meister darf mich sowieso mal gernehaben. Schiller ist viel besser als wie Goethe.

[Bis zum nächsten Mittwoch stehen in den Kommentaren bitte Lyrikinterpretationen meiner Ausführungen. Textdramatik, Aufbau und soziokulturelle Einbindung des Autors nicht vergessen!]

| von yetused in Gibsmir! um 00:16 | Kommentieren |

 
Oh weh, das hört sich nach vergangenen Zeiten an und nicht nach einem modernen Studiengang.

Ich kann deinen Ärger gut nachvollziehen.

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keine textimmanente interpretation?

ich machs kurz:
es ist alles wahr und ich kapier's auch nicht.

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ach was, nur mut: das ganze als allegorie auffassen und dann einmal durch die religöse kulturgeschichte des mittelalters, von der marienverehrung bis zur unbefleckten empfängnis. können sie sich herrlich austoben, nur die zeit im auge behalten!

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Gedichtinterpretation bekomm ich die 1 mit Sternchen, da hab ich keine Bedenken - aber ich muss die drei Gedichte auswendig im Kopf haben (neben dem Wissen des ganzen Semesters) und dann das zu analysierende Gedicht erst mal komplett hinschreiben, um es interpretieren zu dürfen.

Das ist reine Schikane und kann ich im fünften Semester, in dem ich mich langsam auf meinen Bachelor im Hauptfach vorbreiten muss, nicht gebrauchen.

Außerdem scheint es auch noch ein 'anderes' Einhorngedicht von Rilke zu sein. Hat der Prof 'falsch' gesagt, letztes mal. Ohje. Die Germanisten.

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ich gebe ihnen zwar grundsätzlich recht, aber bedenken sie, dass die memoria eine der fünf grundbausteine der rhetorik ist.

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Goethe und Schiller waren aber Homies und haben zusammen Abenteuer erlebt!

Ansonsten, geht schon, irgendwie. Das schlimme sind die Studenten, die von diesem Studiengang gezüchtet werden, fürchterliches Volk. Meinungen aber völlig unfähig sie begründen, abgesehen von dem böse W(iki)-Wort...

P.s.: Erlkönig-Manöver = awesome!

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aber...
... es gibt doch insgesamt Schlimmeres, als sich mit Rilke beschäftigen zu dürfen, oder? ;)
K.

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