Freitag, 25. Mai 2007


„Meinungen sind wie Arschlöcher – jeder hat eins.“
Ein oft zitierter Satz von Unbekannt. Kennt man aus Forensignaturen, Biertischdiskussionen, oder von Freunden, die auch mal was Lustig-kluges sagen wollen. Nur leider kann man den so nicht unterschreiben.

Denn ich würde gerne in einer Welt leben, in der jeder eine Meinung hat. Eine richtige Meinung. Eine eigene, selbstgebildete, arschlöchige Meinung.

Das Schöne am Menschsein ist, dass wir unserer selbst bewusst sind, wir Denk- und Sprachwerk haben, wir mit anderen Menschen kommunizieren können, deren Meinungen aufnehmen, abwiegen, weiterbilden können. Wir können Themen, die uns nicht interessieren skippen, sagen, dass wir hier und dazu nichts wissen, und eingestehen, dass wir uns darüber noch nie Gedanken gemacht haben. Wir können unsere Meinung täglich ändern, sie tunlichst verschweigen, oder täglich auf dem Marktplatz neben der Bushaltestelle rausschreien.

Ich mag so was. Selbstgebildete, stolze Meinung. Und mag sie anderen Menschen noch so auf den Sack gehen. Was ich aber gar nicht mag, sind Menschen, deren Meinungsbildung nicht von sich aus von statten ging.

Da gibt es vorerst die Opportunisten. Gegen die habe ich generell einmal nichts, da sie lediglich Menschen sind, die sich aus Selbstunsicherheit oder Klugheit der Meinung der Masse anpassen. In ersterem Fall ist der Mensch nicht zu beneiden. Wer aus Angst anzuecken seine eigene Überzeugung verdreht und unter Umständen äußert, was ihm sogar zuwider ist, dem geht es dabei nicht gut, da Lüge und Selbstverleugnung schmerzhaft zusammentreffen. Im Gegenteil: Solche Menschen sind das Armutszeugnis einer Gesellschaft, die Pluralismus als Negativum sieht und nur Massenmeinung akzeptiert. Zweiter Grund der Meinungsverleugung (Klugheit) ist ein Produkt eben dieser Gesellschaft. Diese Spielart ist aber in dem Maße tolerierbar, in dem ein selbstreflektierter Mensch seine Meinung in Ausnahmefällen anpasst, um zu langen oder gar negativen Diskussionen aus dem Weg zu gehen, sich seiner eigenen Einstellung aber bewusst ist, und diese unter anderen Umständen auch kommunizieren würde. Jenen Opportunismus kennt jeder von uns, er muss als Schmiergeld unserer Kultur hingenommen werden.

Ein wenig schlimmer, da dümmer und ansteckender, sind die Nachplapperer. Sie sind die eigentliche Verlierer, da sie das Recht auf eigene Meinung selbstredend aufgeben haben, und lediglich reproduzieren, was andere Meinungsmacher ihnen vorgeben. Das können professionelle Medienmacher sein, die die Welt in ihrem Sinne beeinflussen oder einlullen wollen, das kann der generelle Konsens sein (das ist gut – das ist böse), der Freund oder ab einem bestimmten Alter die Eltern. Sie wiederholen die aufgeschnappten Dinge, die man schon etliche male gehört hat, und halten im schlimmsten Falle ihre Meinung für die wahre. Sie sind nervig, da nicht produktiv und fundiert, aber auch nicht besonders schlimm.

Schlimmer schon ist es bei den Meinungen, die sich aus vermeintlichen Verpflichtungen der eigenen Rolle gegenüber ergeben. Stichwort Frauenthemen vs. Männerthemen. Diese Fälle sind etwas vertrackter, da hier aufgepasst werden muss, ob sich eine echte gebildete Meinung dahinter verbirgt, die nur zufälligerweise etwas mit dem eigenen Geschlecht zu tun hat, oder aufgesetztes Revierabstecken und Postulieren. Letzteres ist von - durchaus auch nachplapperndem - Sexismus geprägt, der nur dazu dient das eigene Geschlecht im besserem Lichte erscheinen zu lassen und das andere dafür abzustrafen, dass es existiert (vgl. Heise-Phänomen). Rollentypische Meinungen, die auch genauso gut bei Berufen, Gesellschaftsschichten und ähnlichem vertreten sind, bieten ob ihrer Vorhersehbarkeit keine Grundlage für Meinungsbildung oder Diskurs, sind meiner Ansicht nach aber gefährlicher als platte Nachplapperei, da sich die Menschen einbilden eine richtige Meinung zu haben (klar, Buddy), und nicht nur selten unter der Gürtellinie gekämpft wird.

Und nun kommen wir zu den Menschen, deren Einstellung die dümmste und gleichzeitig gemeinste ist. Es sind die Menschen, die jedem Diskurs sein Daseinsrecht absprechen wollen, jede Meinung als redundant abtun und sich zum aufgesetzt gelangweilten Werter und Wärter über Sinn- oder Sinnlosigkeit aufschwingen. Für sie ist jede Diskussion „abgedroschen“ und „ausdiskutiert“, jede Meinung entweder zu naiv oder zu altklug, und im allgemeinen gar „nicht neu“. Es sind die Menschen, die sich vor Auseinandersetzung fürchten, sich aber anstatt sich in ihre schulterzuckende Welt zurückzuziehen, von außen einmischen und moralisch überlegen fühlen. Das sind die wahren Feinde einer Diskussion; die Menschen, die absichtlich ihre Meinung nicht kundtun und es anderen Menschen verbieten wollen.

Da sind mir sogar die Querulanten lieber, die schlichtweg gegen alles sind.


Und wie sieht nun eine wirkliche, eigene Meinung aus?

Sie speist sich nicht aus Fremdmeinung, anerkannter Moral oder dem eigenen Selbstbild, sondern aus Information, Erfahrungen, Empirie, Nachdenken, Abwägen, Entschließen und Äußern in jedweder Art und Form – und sei es nur in deiner eigenen Gedankenwelt.

| von yetused in Klugwerden um 02:19 | Kommentieren |

 
Standing ovations aus der linken Ecke, gelungener Text. :)

Das ist aber das Interessante (oder, schlimmer, Perfide?) an unserer derzeitigen "Gesellschaft der Meinungsfreiheit", aus meiner Sicht: Den Menschen eine eigene Meinung zu verbieten oder vorzuschreiben, ist als prinzipiell böse erkannt worden - ein paar Stereotype zu streuen, die einer hinreichend großen Masse von Menschen in ihren (teils mit Sicherheit fragwürdigen, wie Du ja treffend umrissen hast...) Meinungsbildungsprozessen aus eigenem Antrieb heraus zur "erwünschten" Meinung verhelfen, scheint hier endlos effektiver...

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"Ich bin viel älter als du, ich habe Recht."

"Unser Unternehmen gibt es schon länger, wir sind besser."

"Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden..."

etc. pp.

Wichtig ist, dass man kritisch genung ist um mögliche dahintersteckende Ideologien oder gar Lobbyismus (Studien, Wirtschaft) entdecken zu können. Manche Menschen werden immer schlucken, was ihnen Autoritäten, Medien, altkluge Menschen erzählen, da sie sich keine eigene Meinungsbildung zutrauen oder es angenehmer finden, mit dem Kopf zu nicken und zu ihrem Kaffee zurückzukehren.

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Könnte wohl auch daran liegen, daß niemand mehr wirklich zur Meinungsbildung erzogen wird, zumindest nicht zu "richtiger" solcher (mithin: Sammeln von Informationen, Auflösen von Widersprüchen, Wertung von Quellen und irgendwann Bildung eines eigenen Standpunktes auf Basis eines halbwegs soliden Fundaments von Wissen und Fakten).

Vielleicht ist es ein wenig klischeehaft, aber letztlich ist genau das die Art, wie "Push"-Medien funktionieren - das "tagesschau" - Syndrom: Eine Nachrichtensendung pro Tag, eine "Quasi-Autorität", deren Aussagen wir passiv "konsumieren". Die "tagesschau" berichtet relativ objektiv, das mag schon sein. Verzerrung entsteht hier schon viel früher, nämlich bei der Wahl der Themen - eine Aufteilung politischer, gesellschaftlicher, ... Fragen in "wichtig" (durch die "tagesschau" behandelt) und "unwichtig (der Rest). Wenn ich "nur" diese Quelle zur Verfügung habe, werde ich mit einer Reihe von Themen überhaupt nicht konfrontiert, auf deren Gebiet Meinungsbildung dann wirklich echte Arbeit ist, wo man erst einmal einen Anfang finden muß, auf den man aufbauen kann... Daß dann die Themen, die in diesen Medien behandelt werden, auch aus einer ganz speziellen Sichtweise behandelt werden (ich erinnere mich an die Zeit, als die Franzosen gegen die EU-Verfassung gestimmt haben und dafür von Teilen der deutschen Mainstream-Medien völlig undifferenziert und pauschal als entweder "eu-feindliche Nationalisten" oder aber "Opportunisten" diffamiert worden, deren einzige Motivation die Abstrafung der französischen Regierung für fragwürdige Innenpolitik sei), macht die Sache nicht viel besser...

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Oh ja. Bezüglich Meinungsbildung muss ein Kind oder Heranwachsender sich in einem Umfeld befinden, in dem gegenteilige Meinungen einmal generell erlaubt sind bzw. überhaupt dem Kind eröffnet wird, dass es sehr oft nicht nur die eine Wahrheit gibt.

Dann müssen die Inputs anfangen, und da wird es, wie von dir beschrieben, oft schwer. Wer von RTL/Sat1/BILD etc. ausgeht, der weiß was er zu erwarten hat. Da ist Gut und Böse voraussehbar, sehr ideologisch, und von großer Meinungsmacherei geprägt. Das weiß man eigentlich spätestens ab der 10ten Klasse. Bei den als neutral angesehenen Medien wird es dann schon schwerer, da sich wirkliche viele Menschen lediglich aus Fernsehen und Rundfunk (gleiche Anstalten) informieren.

Und da bin ich sehr froh über das Internet und die darin schreibenden Menschen, seien sie noch so nischenhaft versteckt, die sich mal Tacheles reden trauen. Die einem entweder Inspiration geben es einmal anders zu sehen, oder persönliche Erfahrungen teilen, die Dinge in anderem Licht erscheinen lassen. Ein Ort, wo man direkt an der Quelle ist, wo vielleicht mal die Opfer selbst zu Wort kommen, und nicht nur durch das "Exklusiv"-Interview mit der BILD. Wo man Indie-Medien findet, oder Menschen, die anonym posten, weil sie wissen wie brisant ihre Meldung ist. Das Internet als Medienkanal ist unheimlich interessant, wenn man weiß wo die Perlen zu finden sind.

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Richtig. Das Internet erfordert massiv die Fähigkeit der "Medienkompetenz", die Befähigung, Informationen aufzunehmen und auch hinsichtlich ihrer Verläßlichkeit einordnen zu können. Dumm nur: Wenn wir unseren Nachkömmlingen diese Fähigkeit vermitteln, könnten sie eventuell feststellen, daß gerade die Berichterstattung der B*LD-Zeitung in erster Linie eben emotionalisiert-sensationsgierig ist und "Fakten" oft und gern hintenrunter fallen.

Was noch problematisch dazukommt: Die "neutralen Medien" übernehmen Informationen im Wesentlichen aus denselben Quellen, die nicht selten kommerzielle Nachrichtenagenturen (Reuters, dpa, ...) sind. Wer weist mir nach, daß dort "objektiv" und "sachlich" berichtet wird, insbesondere in Themenbereichen, in denen das brennend notwendig ist, weil Kontroversen vorprogrammiert sind (Terrorismus, Guantanamo, G8, ...)? Das ist dasselbe wie mit den Lexika: Ich schätze wikipedia nicht, weil dort "immer alles richtig" ist. Ich schätze wikipedia im Vergleich zum Bertelsmann oder vergleichbaren Formaten wegen der "Diskussion"-Lasche an jedem Artikel, der mir hilft, die Inhalte dort zu hinterfragen, mir hinsichtlich der Verläßlichkeit ein Bild zu machen. Deswegen Internet. Und deswegen "Medienkompetenz" lernen. Wenn das nicht ist, können wir Meinungsbildung vermutlich vergessen... :(

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was ist eine meinung? keine ahnung. der dirkurs erinnert mich an meine jugend-szene-zeiten, in denen wir wichtig-wichtig themen diskutiert haben, von denen wir keine (tiefere) ahnung, geschweige denn erfahrung hatten.
viele dinge, die gesagt werden sind im wortsinn nicht der rede wert.
handeln, darauf kommt es an, nicht schwafeln, spekulieren und projizieren.
zieh ein kind groß, dann weißt du um sein potential - auch um sein sexuelles. führe eine ehe, gründe eine familie und du weißt um die pontentiale eines mannes. gründe eine firma und du lernst die potentiale der marktwirtschaft kennen.
nicht mehr und nicht weniger. alles andere ist spielfechterei. spiel, weil konseqeunzgemindertes probehandeln.

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"Erfahrung heißt gar nichts. Man kann seine Sache auch 35 Jahre schlecht machen." (Tucholsky)

Ich bin unschlüssig, ob das Handeln-statt-Denken - Paradigma wirklich zu brauchbaren Erkenntnissen führt. Aus meiner Sicht geht's bei Meinungsbildung auch nicht primär um Handeln, sondern darum, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, darum, bereitzusein, sich auch gedanklich auf Dinge einzulassen, anstelle erst einmal mechanisch-aktiv loszurennen und irgendetwas, meist dann mehr oder weniger sinn-, weil ziel- und konzeptlos, zu tun. Die fehlende Erfahrung in solchen Diskursen halte ich für angenehm, und das mit der fehlenden Ahnung gibt sich im Rahmen gedanklicher Beschäftigung damit...Wir sind leider insgesamt viel zu viel auf "Tun" fixiert...

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@Kittykoma: Aber wie willst du handeln, wenn du dich vorher nicht entschließen konntest, was das Richtige ist? Auch bei Kindererziehung gibt es oben genannte Menschen. Diejenigen, die sich von Medien beeinflussen lassen ("Das ist ungesund!"), alten Traditionen ("Das war schon immer böse, und wird immer böse sein") oder von der Männerwelt ("Wieso? Ist doch super!"). Wie willst du aus deinem Kind einen guten Menschen machen, wenn du eine Instant-Erziehung heranziehst, anstatt dir jeden Tag aufs neue zu überlegen, wie man es besser/anders/angemessener machen könnte?

Und wie gesagt: Wer sich keine Meinung zu etwas gebildet hat, an etwas nicht interessiert ist, der soll sich bitte auch heraushalten. Es ist keiner zu Teilnahme verpflichtet. Mein Punkt ist nicht Diskussion. Sondern, dass der, der seine Meinung kundtut, sie auch selbst gebildet haben sollte, und nicht Argumente wie "das wurde doch schon 5.000 mal ausdiskutiert" anbringen.

Nur weil du in deinen Jugendjahren im Jugendclub schon alles auseinandergefaselt hast, bedeutet es nicht, dass es andere nicht ebenso tun können. Das ist exakt der letzte Punkt meiner Ausführungen. Diejenigen, die jeder Diskussion ihren Wert absprechen wollen (und gleichzeitig auch den Wert ihrer eigens geführten Diskussionen). Ich denke diese Diskussionen deiner Jugend waren sinnvoll. So lernt man zu diskutieren, so bildet sich der eigene Charakter, so kann man Dummschwafler ausmachen. Die Gefahr besteht nur darin, zu verhärmen und zu einem unleidigen Menschen zu werden, der Diskussionen nicht nur aus dem Weg geht, sondern (siehe Text) Meinungen ihren Wert abspricht, weil sie ja sowieso Schall und Rauch sind. Was soll das?

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'Sondern, dass der, der seine Meinung kundtut, sie auch selbst gebildet haben sollte, und nicht Argumente wie "das wurde doch schon 5.000 mal ausdiskutiert" anbringen.'

(1) Das kenn ich noch von Uni-Zeiten, dort hieß das "Beweis durch Einschüchterung" (proof-by-intimidation), sehr beliebt in Mathematik- und Physik-Vorlesungen: "Der Beweis, daß sich A aus B ableiten läßt, soll hier nicht dargelegt werden, weil er trivial ist". So lustig das ist: In so einer Situation wird niemand, der nicht mit beiden Beinen im Thema steht (was im Grundstudium eher selten der Fall ist), die Frage wagen, ob der Beweis tatsächlich trivial ist, um nicht Gefahr zu laufen, im Zweifelsfall sich selbst bloßzustellen. Didaktisch kontraproduktiv, aber ähnlicher Ansatz.

(2) Dies hier kaufen (oder leihen) und lesen. Dort werden auch jene Situationen diskutiert, in denen ein Gegenüber im Disput Standpunkte als "lächerlich" oder "albern" abtut, ohne jedoch wirkliche belastbare Argumente ("5000mal bewiesen" oder "...läßt sich leicht entkräften / widerlegen" sind _keine_ solchen) zu liefern.

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ich vertrete eine eigene meinung :-)

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